«Ein guter Zeitpunkt, um aktiv zu werden»

1. April 2019 agvs-upsa.ch – Der Occasionsmarkt von E-Autos ist zwar noch sehr überschaubar, nimmt aber langsam Fahrt auf. Die angebotenen Gebrauchtwagen sind gefragt: Ihre Standzeiten sind leicht tiefer als bei konventionellen Occasionen.

abi. «Der Markt für E-Occasionen ist noch sehr klein», sagt René Mitteregger, Datenspezialist bei Auto-i-dat. Im vergangenen Jahr wechselten 2463 E-PW ihren Besitzer. Bei insgesamt rund 856 000 Halterwechseln macht das 0,29 Prozent aus. Dies zeigen die Zahlen von Eurotax, die Roland Strilka, Director of Valuations bei der Autovista Group, mit seinem Team zusammengetragen hat. Der Grund dafür ist einfach. «Nennenswerte Neuzulassungen sind, mit Ausnahme von Tesla mit den Modellen S und X und vereinzelten Modellen anderer Hersteller, erst seit Kurzem zu verzeichnen. Somit sind aktuell noch relativ junge Fahrzeuge im Bestand, die erst nach und nach auf den Occasionsmarkt kommen», heisst es bei Eurotax. Laut René Mitteregger liegt der Bestand an reinen Elektrofahrzeugen in der Schweiz zurzeit bei 19 060 zugelassenen Personenwagen. «Das entspricht bei einem Gesamtbestand von rund 4,8 Millionen zugelassenen Personenwagen noch nicht mal 0,4 Prozent.»

Daniel Hablützel ist Geschäftsführer von Carauktion, dem grössten B2B-Fahrzeugmarkt der Schweiz. Er spürt damit den Puls des Occasionsmarkts besonders gut. «Rund 3,3 Prozent der Fahrzeuge, die durchschnittlich pro Monat in die Auktion kommen, verfügen über einen Elektro- oder Hybridantrieb», sagt Hablützel. 

«Auktionsfieber» 
Werden E-Fahrzeuge zur Versteigerung angeboten, werden sie meistens auch ersteigert – «und zwar im Auktionsfieber», sagt Hablützel. «Aber ganz klar gibt es einzelne Modelle, die schwieriger zu verkaufen sind.» Das gelte vor allem dann, wenn Nachfolgebatterien mit grösseren Reichweiten auf dem Markt seien. 

Bei Eurotax zeigt sich bezüglich Angebotsdauer ein stark schwankendes Bild. Dies wegen der geringen Stückzahlen und dem überproportional hohen Marktanteil von Tesla, der die Statistik beeinflusse. «Aktuell beträgt die Angebotsdauer der kürzlich verkauften beziehungsweise gelöschten E-Occasionen in der Altersklasse von zwei bis vier Jahren rund 60 Tage.» Bei den PW dieser Altersklassen sind es 76 Tage. «Die Standzeiten der E-Occasionen bewegen sich also im üblichen Rahmen und sind sogar leicht tiefer als bei konventionellen Occasionen.» Grosse Änderungen erwartet Eurotax nicht – das Angebot an E-Occasionen werde mit der steigenden Nachfrage mithalten können.

René Mitteregger bringt es auf den Punkt: «Junge Occasionen stehen nur kurz. Ältere Fahrzeuge der letzten oder gar vorletzten Generation haben es da schon wesentlich schwieriger.»

Design als Grund für Wertverlust
Doch sind E-Occasionen im Verhältnis teurer oder günstiger als konventionelle Autos? Dies kann Daniel Hablützel nicht beantworten. «Die Restwerte bei E-Occasionen sind sehr abhängig von Modell- und Fahrzeugtyp und die Anzahl für einen Vergleich noch immer sehr klein.» Er beobachtet jedoch, dass neu angebotene Batteriemodelle mit erhöhter Kapazität respektive Reichweite einen direkten Einfluss auf den Restwert der Vorgängerversionen haben.

Markt bestimmt Wert
Laut Eurotax berechnet sich der Wert von E-Occasionen grundsätzlich gleich wie bei konventionell angetriebenen PW: «Der Wert wird auch hier vom Markt bestimmt.» Ein entscheidende Rolle spielen der Zustand und die Reichweite der Batterie. Die Neuerungen bei der Technologie sorgen laut René Mitteregger denn auch für den grössten Wertverlust bei E-Fahrzeugen. «Ferner dürfte auch die hohe Preisdifferenz zu vergleichbaren Verbrennervarianten auf den Wert von gebrauchten E-Fahrzeugen drücken.» 

Eurotax sieht neben der Batteriereichweite die technische Weiterentwicklung bei der Ladegeschwindigkeit als weiteren Grund für den Wertverlust. «Und natürlich spielen auch der vor einigen Jahren noch sehr hohe Anschaffungspreis und das oft unkonventionelle Design der ersten E-Fahrzeuge eine bedeutende Rolle.» Käufer von E-Modellen würden zwar ein modernes, aber doch deutlich konventionelleres Design bevorzugen. «Die erste Generation der E-Fahrzeuge hat also mit einigen Minuspunkten bezüglich Restwert zu kämpfen im Vergleich zu den neusten und insbesondere den angekündigten Modellen.» 

Eurotax ist gespannt, wie sich die «einfachere» Fahrzeugproduktion und die erwarteten Kostensenkungen bei der Batterie auf die Neupreise auswirken werden, was wiederum unmittelbare Auswirkungen auf den Restwert hat. «Auch Faktoren wie die tieferen Wartungskosten oder allfällige Förderbeiträge und die Geschwindigkeit, mit der die Ladeinfrastruktur aufgebaut wird, können die Restwerte von E-Occasionen nachhaltig beeinflussen.»

Vorteil Stadt und Agglomeration
Sowohl Eurotax als auch Auto-i-dat gehen davon aus, dass E-Fahrzeuge künftig vermehrt auf den Schweizer Strassen anzutreffen sind. «Dies nur schon, weil ohne diese Fahrzeuge die CO2-Emissionsziele von 95g/km mit Sicherheit nicht erreicht werden können», sagt René Mitteregger. Beide sind der Ansicht, die Garagisten sollten sich dieser Entwicklung nicht verschliessen und mit E-Occasionen handeln. «Insbesondere im Stadt- und Agglomerationsbereich, aber auch auf dem Lande erscheint uns ein Angebot an E-Occasionen wichtig», heisst es bei Eurotax. «Jetzt scheint uns ein guter Zeitpunkt zu sein, um bei den E-Occasionen aktiv zu werden.»

Das Unternehmen rät zu einem umsichtigen Vorgehen. Die Garagisten sollen primär dann aktiv werden, wenn das geschulte Personal, die Betriebs- und auch die Ladeinfrastruktur in der jeweiligen Region schon ausreichend verfügbar beziehungsweise im Aufbau sind. Zudem erwartet Eurotax von Seiten der Hersteller und Importeure Initiativen und Vorgaben, um die Markenhändler bei der Vermarktung von E-Occasionen zu unterstützen.

Für René Mitteregger ist wichtig, dass die Garagisten sich gut vorbereiten und genau wissen, wie sie die Fahrzeuge wieder an den Mann bringen. «Händler in den Städten, wo auch bereits eine brauchbare Infrastruktur besteht, tun sich da sicher leichter.»
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